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Helga Beckmann
Im
Laufe meiner siebzig Jahre habe ich viel
Interessantes, Schönes und Schweres erlebt und
erlitten. In Rheine geboren, lebte ich mit
meinen Eltern von meinem 11. bis 14. Lebensjahr
in Brasilien. Diese Zeit hat mich geprägt. Ich
wohnte dann noch in Emsdetten, Österreich,
Koblenz und Norderney. Die längste Zeit
verbrachte ich jedoch in Dortmund (42 Jahre) mit
meinem Mann und unseren zwei Söhnen. Mit 52
Jahren begann ich noch eine Ausbildung zur
Altenpflegerin. Diese Tätigkeit erfüllte mich
elf Jahre. Nun lebe ich nach dem Tod meines
Mannes seit drei Jahren wieder in Rheine.
Angeregt durch zahlreiche Lyrikwerke meines
Mannes nahm ich Kontakt auf mit der Literatur-
und Schreibwerkstatt DruckFest e.V. Rheine und
versuche mich nun mit dem "Schreiben." Es macht
mir Freude, meine Fähigkeiten zu erproben und es
tut gut, Erlebnisse zu bewältigen. Bei DruckFest
bekomme ich Anregung, Hilfe und Unterstützung.
Der Amethyst
Brasilien 1930. Seit zwei Jahren lebte und
arbeitete das deutsche Arztehepaar Sabine und
Ernst Neuhaus in Brasilien, im Staate "Mato
Grosso", das heißt "Großer Wald." Von bereits
ausgewanderten Freunden hatten sie von dem
großen Ärztemangel hier gehört. Selber hatten
sie sich diese einsame Gegend ausgesucht, denn
sie wollten nur eins, der armen Landbevölkerung
helfen. Diese konnte einen Arzt nicht bezahlen
und Krankenversicherung gab es nicht. Vom Staat
bekamen Sabine und Ernst eine kleine
Unterstützung, die kaum zum Leben reichte. Sie
fuhren täglich mit einem alten Jeep in die nahe
und weite Umgebung und behandelten kranke
Menschen.
Eines Tages kamen sie von einer Visitenfahrt
zurück in ihre selbstgebaute Bretterhütte. Sie
lag auf einer Lichtung am Rand des Urwalds.
Erschöpft aber zufrieden, setzten sie sich an
den blankgescheuerten Holztisch und aßen
Maisbrot mit Rührei, dazu tranken sie Mate-Tee.
Es herrschte eine laute Stille. Das Zirpen der
Grillen, das Gekreische der Affen, das Rufen der
Papageien, dazwischen lieblicher Vogelgesang.
Jedoch waren keine menschlichen Stimmen und kein
Lärm von Maschinen oder Autos zu hören. Die
Beiden genossen diese Stunde nach einem langen
und anstrengenden Arbeitstag. Inzwischen ging
die Sonne wie ein riesiger, glühender Ball
hinter dem bedrohlich wirkenden Urwald unter.
Sabine schaute besorgt zum Dach der Hütte, das
nur mit Palmwedeln bedeckt war. Sie benötigten
dringend eine Abdeckung aus Wellblech, doch das
war zu teuer. Bald würde die Regenzeit kommen
und es würde wieder durchregnen.
So in Gedanken versunken, vernahmen sie
plötzlich donnernden Hufschlag und das Wiehern
von Pferden. Die Tür wurde aufgerissen und
finster aussehende Männer in abgewetzter
Kleidung, mit struppigen Bärten und
Revolvergürteln um die Hüften, stürmten in die
Hütte. Sie ließen einen stark blutenden Mann
einfach auf den Küchentisch fallen. Geschirr
fiel herunter, Blut tropfte vom Tisch. Trotz
Sprachschwierigkeiten konnten die Beiden
verstehen: "Macht den Mann wieder gesund, oder
ihr werdet sterben!" Und schon entschwanden sie
in die Abenddämmerung. Nach dem ersten Schock
begann das Artzehepaar sofort mit der Versorgung
des Schwerverletzten. Das Auge musste operiert
und eine tiefklaffende Wunde im Brustbereich
genäht werden. Beim flackernden Schein einer
Petroleumlampe halfen sie dem bewusstlosen Mann.
Sie legten in auf ein Farnkrautbett und
wechselten sich bei der Nachtwache ab. Wie durch
ein Wunder überlebte er die Krise der ersten
Nacht und die folgenden Tage. Sabine blieb
einige Tage zu Hause, um ihn zu pflegen. Der
Mann, der Pedro hieß, erholte sich gut. Bald
begleitete die Ärztin ihren Mann wieder bei den
täglichen Krankenbesuchen.
Am achten Tag kamen sie von einer Visitenfahrt
zurück. Pedro saß nicht, wie gewohnt, auf der
Bank vor der Hütte. Auch drinnen war er nicht zu
finden. Aber auf dem Tisch lag ein riesengroßer
Amethyst-Brocken, daneben ein Papierfetzen mit
unbeholfener Schrift: "Wann immer ihr Hilfe
braucht, ihr findet uns am Fuße der "Serra Negra!"
Nachdem die Beiden das Ganze begriffen hatten,
fielen sie sich vor Freude in die Arme. Nun
konnte vor der Regenzeit das Hüttendach gekauft
werden, dazu viele notwendige Medikamente.
© Helga Beckmann
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