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Brigitte
Lüxmann
Geboren!? Ja. In dem Jahr, als Kennedy sagte: "Ich
bin ein Berliner" und die Mainzelmännchen zum
ersten Mal über den Bildschirm flimmerten.
Bei uns zu Hause war ich das vierte Mädchen und
mein Vater träumte weiter vom Stammhalter. Das
Lesen lernte ich so nebenbei und einige
Buchstaben schreiben konnte ich auch, als ich
mit sieben Jahren eingeschult wurde. Geschichten
liebte ich über alles, gelesen oder selber
geschrieben... egal.
Meine Ausbildung zur Zahnarzthelferin war purer
Zufall und erst heute habe ich meine
Leidenschaft zum Beruf gemacht. Im Jahr 2008
habe ich eine Buchhandlung eröffnet und bin
seitdem umgeben von Geschichten, Gedichten und
Wörtern.
Seit 2005 gehöre ich zu Druckfest und schreibe
Kurzgeschichten nicht nur für die Schublade.
Das Geheimnis
Es war einer jener heißen Sommer Ende der 60er Jahre. Die Welt war in Ordnung, zumindest was das Wetter anging. Im Winter gab es Schnee, im Sommer Sonnenschein. Konnte man zu Ostern die Strumpfhosen gegen Strümpfe austauschen, würde es ein langer heißer Sommer werden. Wie in diesem Jahr.
Annette und ich. Warum waren wir befreundet? Unterschiedlicher hätte man nicht sein können. Annette überragte mich um einiges. Ihre langen, schlaksigen Arme hingen an ihr herunter wie Streichhölzer. Das dunkelblonde Haar trug sie immer zu einem langweiligen Bob geschnitten. War sie auch beim Frisör gewesen, man sah keinen Unterschied. Annette, immer sauber, adrett und gut gekleidet.
Daneben stand ich, hellblonde wild gekrauste Haare, kleiner und etwas pummeliger. Meine Brüste fingen schon an zu wachsen und seit dieser Zeit waren auch meine Hüften breiter geworden. Meine große Schwester hatte mir erklärt, ich würde jetzt eine Frau werden. Also ich fand, man hätte mich vorher fragen müssen, vielleicht wollte ich ja lieber ein Mann werden. Wer weiß das schon so genau mit
zwölf Jahren?
Also, warum waren wir befreundet? Aus der Schule kannten wir uns nicht, denn Annette besuchte das Gymnasium, während ich wie selbstverständlich auf der Hauptschule angemeldet wurde. Also warum waren wir befreundet? War es Sympathie? Zweckmäßigkeit in Ermangelung eines Bessern, oder war es ganz einfach die Tatsache, dass wir in der gleichen Straße wohnten?
Dieser Nachmittag, der wie immer damit begann, dass ich herüber zu Annette ging, ihre Mutter freundlich begrüßte und nach meiner Freundin fragte, war wie jeder andere. Oft ließ sie mich warten, aber es war heiß und schon bald sprang sie im nett gebügelten Sommerkleid die Treppen herunter und strahlte mich an. Diesen Blick kannte ich. Ihre Mutter hatte ihr für eine gute Note, oder auch nur einfach so, eine Mark gegeben.
„Möchtest du in den Supermarkt gehen?“, fragte ich, obwohl ich die Antwort schon kannte.
„Ja, genau, es ist so heiß, da schmeckt ein Eis gut. Ich werde Erdbeere nehmen, nein, doch vielleicht Kirsch, nein das hatte ich ja vorgestern. Ich glaube, ich nehme lieber Schoko.“ Ihr Redeschwall wollte nicht mehr enden. Ich antwortete nicht, aber das erwartete Annette auch gar nicht.
Ich versuchte mit ihr Schritt zu halten. Ihre langen Beine und die dazu passenden großen Füße ermöglichten ihr einen raschen, zielstrebigen Gang. Meine Mutter war froh, dass meine Füße bei der Größe 37 aufgehört hatten zu wachsen. Mir stand zu Hause eine große Auswahl an ausgelatschten und abgenutzten Schuhen zur Verfügung.
„Annette?“, bei einem Gespräch musste sie langsamer gehen, „ was machen wir, wenn du dein Eis gegessen hast?“
„Weiß noch nicht, wir könnten Ball spielen, oder in unserm Keller mit Puppen. Du darfst diesmal eine von meinen benutzen, solange bis ich sage, dass ich sie brauche.“ Ihre Stimme und ihr Blick ließen keinen Zweifel daran, dass sie sich auf jeden Fall diesbezüglich melden würde.
Ich wollte widersprechen, traute mich aber nicht. Es war so schön warm, warum im Keller spielen, die meiste Zeit musste ich zusehen, wie Annette ihre Puppe an und auszog.
Ich hatte ein Geheimnis, wusste aber nicht genau ob es klug war, Annette einzuweihen.
Wir hatten den Supermarkt erreicht und meine Gedanken verflogen.
Diesmal hatte Annette sich tatsächlich für ein Schokoeis entschieden. Wir hatten gemeinsam in die Tiefkühltruhe geschaut und sofort kam die Verkäuferin angelaufen, um meine Freundin freundlich zu fragen, was sie denn möchte und ihr dann auch noch behilflich war, dass Eis hinauszunehmen. Mich sah sie missmutig an. Es war kein Geheimnis in unserer Siedlung, dass ich bestimmt kein Geld für ein Eis hatte.
Auf unserem weiteren Weg ging Annette, diesmal langsamer, ihr Eis schleckend, neben mir her.
„Was sollen wir denn jetzt machen?“, fragte ich.
Ich dachte wieder über mein Geheimnis nach. Ich war begierig darauf mit jemanden darüber zu reden, aber war Annette die Richtige? Könnte ich ihr trauen? Mit meinen Schwestern konnte ich über fast alles sprechen, aber es war ein verbotenes Thema und ich wusste nicht, ob ich bei meiner Mutter angeschwärzt werden würde und sie konnte sehr streng sein. Gegen eine Ohrfeige, meinte sie, könnte niemand etwas einwenden. Auch ihr hatte es nicht geschadet, hin und wieder von ihrem Vater geschlagen worden zu sein. Ich war froh, dass mein Vater fast nie zu Hause war. Er arbeitete als Handwerker, oder hieß es Handlanger? Oft im Ruhrgebiet, blieb er die ganze Woche weg und kam erst am Wochenende zurück. Dann übersah er mich und ich ihn.
„Annette, lass uns ins kleine Wäldchen gehen“, schoss es aus mir heraus. Ich hatte mich entschieden.
Sie sah mich abschätzend an, es gefiel ihr gar nicht, wenn ich bestimmte, wo wir spielten. Aber vielleicht sah sie den Glanz in meinen Augen, merkte dass ich etwas Aufregendes mit mir herumtrug.
Sie nickte, ging vor, wie es ihre Art war und machte so den Eindruck, als hätte sie entschieden ins Wäldchen zu gehen.
Der Boden war weich und warm. Ich ließ mich auf meinen Po fallen, Annette blieb abwartend stehen.
„Die Idee ist doch nicht so gut, mein Kleid wird schmutzig“, meckerte sie.
Jetzt, wo die Sache entschieden und ins Rollen gekommen war, wollte ich den Platz auf keinen Fall verlassen. Ich zog mein T-Shirt aus, legte es auf den Boden und klopfte darauf. „Setz dich, ich habe dir etwas zu erzählen“.
Annette zögerte noch und ich versuchte so zu schauen wie vorhin auf der Straße, als sie meinen Vorschlag angenommen hatte ins Wäldchen zu gehen.
„ Nun fang schon an, so bequem ist der Sitzplatz hier auch nicht. Außerdem laufen hier doch bestimmt auch Ameisen herum. Das ist total ekelig“.
„Nein, Ameisen gibt es hier keine, die brauchen einen anderen Boden, um sich wohl zu fühlen.“ Das hatte ich in einem Buch gelesen, aber ich sah an Annettes ungeduldigem Blick, dass ich lieber mein Geheimnis verraten sollte. Das ging gar nicht so einfach, wie ich gedacht hatte.
„Nun fang schon an, sonst gehe ich allein nach Hause und spiele überhaupt nicht mehr mit dir“, drängelte Annette.
Schnell hinter mich bringen, dachte ich und sprudelte heraus: „Martin hat mir 50 Pfennig geboten, wenn er meine Brüste ansehen darf.“ Nun hatte ich es gesagt.
Es war ziemlich dunkel im Wäldchen und ich konnte nicht genau an Annettes Augen, die ein helles gewöhnliches Graublau hatten, sehen, wie sie diese Neuigkeit aufnahm.
„Was?“ Sie war anscheinend entsetzt. „Ihm willst du deine Brust zeigen? Und ich als deine Freundin, ich darf sie nicht sehen?“
Diese Reaktion erstaunte mich ein wenig. „Aber du hast nie danach gefragt. Wenn du willst, kannst du sie sehen.“ Ich trug sowieso nur noch mein Unterhemd. Gerade als ich es hochziehen wollte und Anette sich einen bequemen Platz und eine gute Sicht gesichert hatte, fiel mir ein, dass …
„Gibst du mir dann auch 50 Pfennig? Stell dir vor, wir könnten gemeinsam zum Supermarkt gehen und uns beide ein Eis kaufen. Die Verkäuferin würde mich nicht so böse ansehen, und auch mir helfen“. Wieder fiel es mir schwer zu erkennen, was Annette von meinem Vorschlag hielt.
Sie dachte nach. „Aber ich bin doch deine beste Freundin, mir kannst du sie doch zeigen. Ohne dafür Geld zu verlangen. Also wenn ich ehrlich bin, finde ich das ganz schön fies von dir.“
Jetzt dachte ich nach. Hatte Annette Recht? War sie meine beste Freundin? Auf jeden Fall die einzigste, die ich hatte. Kurzentschlossen riss ich mein Unterhemd hoch und ließ Annette auf meine Brüste schauen.
Es war ein komisches Gefühl, meine Wangen röteten sich. Schämte ich mich? Aber es war eine gute Übung für Martin. Von Annette würde ich keinen Pfennig bekommen. Das war klar.
Von der anderen Seite hörte ich, wie Annette merkwürdig atmete. Schämte sie sich auch? „Kann ich sie mal anfassen?“
Diese Frage überraschte mich. Was hatte sie davon?
Aber sie wartete meine Antwort gar nicht ab. Ich spürte ihre langen, dünnen Finger, die eigentümlich kalt waren, auf meiner rechten Brust. Sie nahm meine Brustwarze zwischen ihre Finger und rieb daran. Meine Wangen wurden wieder warm. Es fühlte sich eigentlich ganz angenehm an. Ich stellte mir vor, das Martin auch zu erlauben. Vielleicht gab er mir eine Mark? Mensch, dann konnte ich sogar zwei Eis kaufen.
„Willst du meine Brust auch anfassen“, fragte Annette etwas atemlos.
Ich überlegte. Welche Brust? Annette hatte doch gar keine. Außerdem hatte ich dazu überhaupt keine Lust. Wir hatten auch noch gar nicht richtig über mein Geheimnis gesprochen.
Meine Hand zog das Unterhemd herunter, in dieser Bewegung schob ich auch Annettes Hand von meinem Oberkörper. Wie immer, fiel meine Antwort vage aus: „Nein, ich glaube, ich möchte deine Brust nicht sehen.“
Annette stand auf, schmiss mir mein T-Shirt entgegen und brüllte: „Wir sind keine Freundinnen mehr und ich werde meiner Mutter erzählen, was du mir gesagt hast. Da bekommst du jede Menge Ärger, darauf wette ich. Und deine Mutter wird dir eine Ohrfeige geben. Und die hast du dann auch verdient“.
Sie wirbelte herum und verschwand zwischen den Bäumen.
Es dauerte einige Zeit, bis ich aus meiner Erstarrung erwachte. Oh, ich dumme Kuh. Warum hatte ich mich Annette anvertraut? Die eine, oder vielleicht zwei Ohrfeigen würde ich überleben. Aber ich konnte mit ihr kein Eis mehr kaufen gehen. Ich wollte sie ja auch eigentlich nur fragen, ob man vom Anfassen oder Küssen, so etwas hatte Martin angedeutet, schwanger werden könnte. Meine Schwestern redeten ständig davon, und das dieses das Schlimmste war, was einer Frau überhaupt passieren konnte. Meine Mutter behauptete doch immer, Annette sei viel schlauer als ich. Na ja, sie ging ja auch zum Gymnasium. Aber heute hatte sie sich ziemlich dumm angestellt. Schade, dass ich meiner Mutter nicht davon erzählen konnte. Aber irgendwie war ich mir sicher, dass die Sache unter uns blieb. Annette würde nichts erzählen. Jetzt hatten wir beide ein Geheimnis.
© Brigitte Lüxmann
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